Anno 117: Pax Romana (PS5) im Test
- playmoregames

- 8. Feb.
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Mit "Anno 117: Pax Romana" vollzieht Ubisoft Mainz einen bemerkenswerten Schritt innerhalb der traditionsreichen Aufbaureihe. Erstmals verlässt die Serie die Neuzeit und verankert ihr bewährtes Spielprinzip in der Antike – genauer im Römischen Reich des Jahres 117 n. Chr. Sieben Jahre nach Anno 1800, das als inhaltlich ausgereiftester Serienteil gilt, steht weniger die Frage nach Innovation als nach Übertragbarkeit im Raum: Lässt sich das komplexe Anno-System überzeugend in eine Epoche übersetzen, die nicht von Industrialisierung, sondern von Verwaltung, Einfluss und kultureller Ordnung geprägt ist?
Der historische Rahmen der sogenannten Pax Romana – einer Phase relativer innerer Stabilität – dient dabei nicht als bloße Kulisse, sondern als konzeptionelles Fundament. Spieler übernehmen die Rolle eines römischen Statthalters und verwalten Provinzen im Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie. Der Einstieg erfolgt wahlweise im politisch gefestigten Latium oder im abgelegenen Albion, einer Grenzregion mit eigenen strukturellen Herausforderungen. Die Kampagne verzichtet weitgehend auf klassische narrative Dramaturgie und setzt stattdessen auf systemische Erzählung durch Spielmechaniken und historische Kontexte.

Die wichtigste Neuerung von "Anno 117: Pax Romana" ist das überarbeitete Bedürfnissystem – ein grundlegender Einschnitt in die Serien-DNA. Anstelle starrer Abhängigkeiten, bei denen einzelne fehlende Ressourcen den Fortschritt blockieren konnten, werden Bedürfnisse nun gebündelt und über Fortschrittsstufen abgebildet. Wachstum entsteht nicht mehr durch das punktuelle Schließen einzelner Lücken, sondern durch die Balance mehrerer Faktoren.
Dieses System reduziert Frustration, erhöht strategische Freiheit und verleiht Entscheidungen ein langfristigeres Gewicht. Es markiert einen der konsequentesten Designschritte der Reihe und korrigiert eine der zentralen Schwächen früherer Teile.
Auch die Stadtgestaltung erfährt eine funktionale Aufwertung. Infrastruktur ist nicht länger reines Verbindungsglied, sondern beeinflusst Effizienz, Produktivität und Versorgung messbar. Römische Straßen, Plätze und Versorgungsachsen sind integraler Bestandteil der Optimierung. Die erstmals mögliche diagonale Platzierung von Gebäuden erweitert die planerischen Möglichkeiten erheblich und fördert organischere Stadtlayouts, verlangt jedoch deutlich mehr Weitsicht. Die Anpassung an das historische Setting reicht dabei über die Optik hinaus. Bevölkerungsgruppen, Terminologie und regionale Unterschiede sind konsequent umgesetzt, auch wenn kleinere Übersetzungsunschärfen den ansonsten hohen Authentizitätsanspruch punktuell unterlaufen.

Wie bereits Anno 1800 arbeitet auch "Anno 117: Pax Romana" mit mehreren Regionen, deren Systeme ineinandergreifen. Während das Kernland wirtschaftliche Stabilität bietet, stellen Grenzprovinzen politische und diplomatische Anforderungen. Militärische Konflikte bleiben bewusst begrenzt und dienen eher als Druckmittel denn als dominierendes Spielelement.
Zentral ist dabei das Gleichgewicht zwischen Expansion und Stabilität. Übermäßiger Machtanspruch kann soziale Spannungen verschärfen und die Pax Romana untergraben. Diplomatische Akteure reagieren nachvollziehbarer als in früheren Serienteilen und berücksichtigen mehrere Einflussfaktoren statt ausschließlich reputationsbasierter Entscheidungen.
Der konzeptionell größte Unterschied zu Anno 1800 liegt im Stellenwert von Kultur. Fortschritt wird nicht primär technologisch definiert, sondern politisch und gesellschaftlich. Provinzen verfügen über eigene kulturelle Identitäten, deren Umgang unmittelbare spielmechanische Konsequenzen hat. Romanisierung bringt Effizienz, stabile Einnahmen und Zugang zu exklusiven Gebäuden, erhöht jedoch das Risiko von Unruhen. Kulturelle Toleranz sichert den Frieden und eröffnet alternative Produktionswege, verzichtet jedoch auf bestimmte strukturelle Vorteile. Diese Entscheidungen sind dauerhaft wirksam und zwingen den Spieler zu einer klaren Haltung – Neutralität ist kaum möglich.
Damit erweitert "Anno 117: Pax Romana" das klassische Aufbauspiel um eine Dimension, die über reine Optimierung hinausgeht. Verwaltung wird zur politischen Entscheidung, Stadtbau zur Form von Herrschaftsausübung. Audiovisuell zählt der Titel zu den stärksten Serienteilen. Architektur, Lichtführung und Animationen erzeugen ein glaubwürdiges Bild des römischen Reiches, unterstützt von einem zurückhaltend-epischen Soundtrack. Technisch zeigen sich jedoch Grenzen: Große Städte fordern selbst leistungsfähige Systeme, vereinzelte Performance-Einbrüche und kleinere Probleme bei der Wegfindung trüben den ansonsten sehr soliden Gesamteindruck. Der Mehrspielermodus verspricht hohe Flexibilität durch Koop- und Drop-in-Mechaniken, konnte im Testzeitraum jedoch noch nicht abschließend bewertet werden.
Mit "Anno 117: Pax Romana" erreicht die Reihe einen neuen Reifegrad. Das Spiel verbindet vertraute Stärken mit mutigen Systemänderungen und erweitert das Genre um politische und kulturelle Fragestellungen. Trotz kleiner technischer Schwächen präsentiert sich der Titel als komplexes, langfristig motivierendes Aufbauspiel, das seine historische Vorlage nicht nur zitiert, sondern spielmechanisch ernst nimmt. Für Serienkenner wie Neueinsteiger markiert "Anno 117: Pax Romana" einen der inhaltlich substanzreichsten Beiträge der Reihe.
Fakten:
Genre: Strategie
Erscheinungsdatum: 13. November 2025
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Ubisoft
Spieler: 1 - 16
Altersfreigabe: ab 12 Jahre
Preis: ab 39,99 Euro (PS5, Xbox Series X|S, PC)
Offizielle Website: https://www.anno-union.com/de/
Bewertung:

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