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Metaphor: ReFantazio (PS5) im Test

  • Autorenbild: playmoregames
    playmoregames
  • 22. Dez. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

"Metaphor: ReFantazio" startet mit einem gewissen Erwartungsdruck. Seit Jahren warten Fans auf den sechsten Teil von Persona, und Atlus entscheidet sich ausgerechnet jetzt für eine neue Marke. Statt Schuluniformen und Großstadtalltag gibt es ein düsteres Fantasyreich, mittelalterliche Machtkämpfe und Steampunk-Anleihen. Der Ton ist spürbar härter, die Welt brutaler, die Themen unangenehmer als in den bisherigen Persona-Ablegern.


Ganz loslösen kann sich Metaphor dennoch nicht von seinen Wurzeln – und will es offenbar auch nicht. Ein junger Protagonist als Hoffnungsträger, mystische Kampfgefährten und ein strikt getakteter Kalender gehören weiterhin zum Grundgerüst. Doch was vertraut wirkt, wird in ein deutlich erwachseneres, kompromissloseres Gewand gepackt.

Das Königreich Euchronia steht vor dem Zerfall. Der Thronfolger gilt seit Jahren als tot, der König wird ermordet, und ein ambitionierter Erzmagier namens Louis Guiabern nutzt die Gunst der Stunde. Offiziell tritt er als Retter auf, als Bollwerk gegen die sogenannten „Menschen“ – groteske Monster, die das Land terrorisieren. In Wahrheit instrumentalisiert Louis die Angst der Bevölkerung, um selbst nach der Krone zu greifen.


Doch die größte Gefahr lauert nicht allein in den Schatten. Euchronia ist ein Reich, das von Diskriminierung durchzogen ist. Neun Stämme leben nebeneinander, aber nicht miteinander. Spott, Ausgrenzung und offener Hass sind alltäglich. Besonders der Stamm der Elda gilt als verflucht – nicht wegen äußerlicher Merkmale, sondern aufgrund von Gerüchten und Aberglauben. Ihre bloße Existenz wird als schlechtes Omen verstanden.

Ausgerechnet ein junger Elda ist der Protagonist dieser Geschichte. Gemeinsam mit der Feenbegleiterin Gallica begibt er sich auf eine geheime Mission: Louis soll sterben, bevor er das Reich in eine Diktatur führt. Doch der Plan scheitert, und schnell wird klar, dass die Wahrheit komplexer ist. Der totgeglaubte Prinz lebt – gefangen in einem magischen Koma. Und Louis scheint mehr zu wissen, als er preisgibt.


Als der verstorbene König posthum ein Turnier um seine Nachfolge ausruft, kippt die politische Ordnung endgültig. Vier Monate bleiben, um Unterstützer zu sammeln. Vier Monate, in denen sich entscheidet, wer über Euchronia herrschen wird. Unser Held stolpert nicht nur in diesen Wettstreit hinein – er wird zu einer seiner zentralen Figuren.

"Metaphor: ReFantazio" verzichtet bewusst auf die emotionale Leichtigkeit früherer Atlus-Titel. Öffentliche Hinrichtungen, marodierende Banditen und eine allgegenwärtige Gewaltbereitschaft prägen das Bild. Rache, Machtmissbrauch und struktureller Rassismus sind keine Randthemen, sondern das Fundament der Spielwelt. Gerade diese schonungslose Darstellung erzeugt früh eine starke emotionale Bindung. Die Ungerechtigkeit ist greifbar, der Wunsch nach Veränderung fast zwingend. Louis Guiabern funktioniert dabei hervorragend als Antagonist: charismatisch, intelligent und vollkommen skrupellos – ein Gegner, dem man nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung entgegentritt.


Anfangs ist der Protagonist auf sich allein gestellt, doch rasch wächst die Gruppe. Leon Strohl, ein verarmter Adliger, die pflichtbewusste Ritterin Hulkenberg oder der zwielichtige Spion Grius bringen eigene Motive, Zweifel und Ideale mit. Atlus bedient bekannte Archetypen, füllt sie jedoch mit ausreichend Tiefe, um echtes Mitfiebern zu ermöglichen. Die Gruppe wächst nicht nur zahlenmäßig, sondern auch emotional zusammen.

Spielerisch bleibt Metaphor ein klassisches, rundenbasiertes JRPG – modern interpretiert. Gegner sind sichtbar, Überraschungsangriffe entscheidend. Besonders gelungen ist der Umgang mit schwachen Feinden: Statt jeden Kampf auszufechten, lassen sie sich direkt im Dungeon ausschalten, inklusive Belohnungen. Das spart Zeit und hält den Spielfluss konstant hoch. Im Kampf selbst regieren Aktionspunkte, Schwächen und Positionierung. Wer gegnerische Schwachstellen trifft, erhält zusätzliche Züge. Die vordere Reihe teilt mehr Schaden aus, ist aber anfälliger, während die hintere Reihe Schutz bietet – ein simples, aber wirkungsvolles System.


Die Personas werden durch Archetypen ersetzt – flexible Klassen, die sich kombinieren, vererben und individuell anpassen lassen. Diese Freiheit erlaubt kreative Builds und verleiht dem Kampfsystem enorme Tiefe, ohne überfordernd zu wirken. Der Kalender bestimmt erneut den Alltag. Jede Handlung kostet Zeit, Tage sind strikt strukturiert, Deadlines allgegenwärtig. Zwar wirkt das System stellenweise konstruiert, sorgt jedoch für Spannung und zwingt zur Priorisierung. Vorbereitung ist alles – sowohl im Kampf als auch im Tagesablauf.

Verwaltet werden Archetypen in der Akademeia, einer stilvollen Bibliothek, die den Velvet Room ersetzt. Das umfangreiche Memorandum dient als Nachschlagewerk für Lore, Mechaniken und Begriffe – ein unverzichtbares Hilfsmittel angesichts der dichten Welt.

Visuell ist Metaphor: ReFantazio eine klare Atlus-Visitenkarte: markante Menüs, lebendige Städte und eindrucksvolle Architektur. Schwächen zeigen sich in teils monotonen Texturen, gelegentlichem Flimmern und häufigen Ladebildschirmen. Technische Unsauberkeiten bleiben selten spielrelevant.


Akustisch spielt das Werk in der Oberklasse. Der epische Soundtrack verstärkt jede Emotion, die englische Sprachausgabe überzeugt mit nuancierten Akzenten. Besonders positiv fällt auf, dass der Protagonist nun selbst spricht – ein kleiner Schritt mit großer Wirkung. Hochwertige Anime-Sequenzen und verstörend gestaltete Gegner runden die Präsentation ab.

"Metaphor: ReFantazio" ist kein Persona-Klon im Fantasy-Gewand, sondern ein selbstbewusster Neuanfang. Atlus nutzt bewährte Systeme, denkt sie weiter und platziert sie in einer deutlich erwachseneren, unbequemeren Welt. Die Geschichte fesselt, das Kampfsystem begeistert, und der Mut zur Eigenständigkeit zahlt sich aus. Kleinere technische Makel verblassen angesichts der spielerischen und erzählerischen Qualität. Der Titel ist ein starkes Statement – und ein neues Aushängeschild im JRPG-Genre.



Fakten:

 

Genre: Rollenspiel

Erscheinungsdatum: 11. Oktober 2024

Publisher: SEGA

Entwickler: Atlus

Spieler: 1

Altersfreigabe: ab 16 Jahre

Preis: ab 39,99 Euro (PlayStation 5, Xbox Series X|S, PC, PS4)

Offizielle Website: https://metaphor.atlus.com/


Bewertung:

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